h d ok! Se EA Botanische Jahrbücher |

Systematik, Pflanzengeschichte

Pflanzengeographie

herausgegeben

Einundzwanzigster Band.

Mit 10 Tafeln und 2 Porträts.

—+ > > -

Leipzig Verlag von Wilhelm Engelmann

1896.

Es wurden ausgegeben: Heft 4 u. 2 (Bogen 4—16) am 28. Mai 1895. Heft 3 (Bogen 17—93,'Beiblatt Nr. 52) am 6. August 4895, Heft 4 (Bogen 24— 39, Beiblatt Nr. 53) am 44. l'ebruar 4896. Heft 5 (Bogen 33—40, Litteraturber. Bogen 1 u. 2, Beibl. Nr. 54) am 13, Mai 4896.

Inhalt.

I. Originalabhandlungen.

Seite K. Reiche, Die Vegetations-Verhältnisse am Unterlaufe des Rio Maule (Chile) 4- 52 F. Hóck, Kräuter Norddeutschlands. . . . . . 25.52.55 58-104 A. Engler, Beiträge zur Flora von Afrika. X. (Mit Tafel 3. rn . 4105-2414 M. Gürke, Capitanya, eine neue Gattung der Labiaten. (Mit Tafel. D. 105-407 0. Drude, Die Palmenflora des tropischen Afrika . . . . . . . . 408-436 Fr. Schmitz, Marine Florideen von Deutsch-Ostafrika . . . . . . 437-177 H. Schinz, Amarantaceae africanae. . . . . ..... . . . . . 4318-494 Fr. Buchenau, Juncaceae africanae. . . . 199-193 F. Stuhlmann, Botanische Notizen über die in der Zeit vom 23. September bis 47. December 4894 unternommene Reise nach Uluguru. . . . . nenn s s. s. s s. s. 494-206 A. Cogniaux, Cucurbitaceae africanae n 2... . 207-244

Fr. Meigen, Die Besiedelung der Reblausherde in der Provinz Sachsen . s. . 212-257

F. Buchenau, Studien über die australischen Formen der Untergattung

Junci genuini . . . 2s... s... . 958-267 F. Hegelmaier, Systematische Übersic ht der Lémnaceen . PP . 268-305 G. Hieronymus, Plantae Stuebelianae novae quas descripsit adjuvantibus

aliis auctoribus . . . . e e s e s s s s. s s. s s. . 906-878 A. Garcke, Über einige Malvaceengattungen . TM . 979-404

P. Taubert, Beitráge zur Kenntnis der Flora des centralbrasilianischen Staates Goyaz. Mit einer pflanzengeographischen Skizze von E. Ure. (Mit

Tafel II u. IM). . . . . . . 402-457 S. H. Koorders, Morphologische und physiologische Embryologie von Tectona

grandis L. fil. (Djati- oder Teak-Baum.) (Mit Tafel IV—X) . . . . . . . 458-498 K. Reiche, Beiträge zur Kenntnis der Gattung Azara . . » . . . . . . . . 499-518

I. Urban, Additamenta ad cognitionem florae Indiae occidentalis. (Particula HI) 544-638 Weitere Originalabhandlungen s. unter III. Beiblátter.

II. Verzeichnis der besprochenen Schriften. (Besondere Paginierung.)

Briquet: Notes sur la flore du Massiv du Plate, S. 24. Buschan, G.: Vor- geschichtliche Botanik der Cultur- und Nutzpflanzen der alten Welt auf Grund prühistorischer Funde, S. 6.

De Stefani, C., C. J. Forsyth Major et W. Barbey: Karpathos, S. 48.— Drude, O.: Deutschlands Pflanzengeographie, I. Teil, S

Engler, A.: Die Pflanzenwelt Ostafrikas und der Nachbargebiete, S. 48.

Greene, E. L.: Manual of the Botany of the Region of San Francisco Bay, S. 25.

Haberlandt, G.: Anatomisch-physiologische Untersuchungen über das tropische Laub- blatt. II. Über wassersecernierende und absorbierende Organe, S.4. Hóck, F.: Laub waldflora Norddeutschlands, S. 9.

IV Inhalt.

Kissling, P. B.: Beiträge zur Kenntnis des Einflusses der chemischen Lijchtintensität auf die Vegetation, S. 3,

Lawrence, W.R.: The Valley of Kashmir, S. 25. Lehmann, E.: Flora von Polnisch- Livland mit besonderer Berücksichtigung der Florengebiete Nord westrusslands, des Ostbalticums, des Gouvernements Pskow und St. Petersburg, sowie der Verbreitung der Pflanzen durch Eisenbahnen, S. 40.

Passarge, S.: Adamaua, S. 26.

Radde, G., und E. König: Der Nordfuß des Dagestan und das vorlagernde Tiefland bis zur Kuma, S. 13. Rouy, G., et J. Foucaud: Flore de France ou description des plantes qui croissent spontanément en France, en Corse et en Alsace-Lorraine. Tome I u. II. S. 12 u. 13. Rydberg, P. A: Flora of the Land Hills of Nebraska, S. 45.

Stenström, K. O. E: Über das Vorkommen derselben Arten in verschiedenen Klimaten an verschiedenen Standorten, mit besonderer Berücksichtigung der xerophil aus- gebildeten Pflanzen, S. 47.

Trimen, H.: A Handbook of the Flora of Ceylon. Part [—III, S. 14.

Wagner, R.: Die Morphologie des Limnanthemum nymphaeoides (L.) Link, S. 45. Wettstein, R. von: Monographie der Gattung Euphrasia, S. 34. Wiesner, J.: Photometrische Untersuchungen auf pflanzenphysiologischem Gebiete, S.. 3.

III. Beiblätter. (Besondere Paginierung.) Beiblatt Nr. 52: I. Urban, Biographische Skizzen. III. 4. Jacques Samuel Blanchet (1807—1875). Mit Porträt in Lichtdruck . . ... 4-5 0. v. Seemen, Fünf neue Weidenarten in dem Herbar des

Königlichen botanischen Museums zu Berlin. . . 2 . . . . 6-4 Recommendations Regarding the -Nomenclature of Systematic Botany . . . . . one. 42-8 Personalnachrichten. . 2. .......... l.l. n 16 Botanische Sammlungen. . . . en 16 Beiblatt Nr. 53: I. Urban, Biographische Skizzen. IV. 5. Eduard Poeppig (4798—1868). Mit Bildnis . . . 4-97 R. Keller, Beiträge zur Kenntnis der bosnischen Rosen. "zweite Mittheilung . . . 28-46 E. Warming, P. E. Müller, nicht E. Ramann , hat die Ent- stehung des Ortsteins entdeckt. . . . . . . 47-49 O. v. Seemen, Neue Weidenarten in dem Herbar des Kel. bot. Museums zu Berlin. I... . . . .. 2 2 a . . 50-58 Personalnachrichten. . . . . .. LK nn nn nn nn. 59-64 Botanische Sammlungen . . . . . .. Lo. . ls ss 64 Botanische Reisen. . . . 2 2. . .............. ^ 62 Beiblatt Nr. 54: R. Schlechter, Die Drege’schen Asclepiadaceen im Ernst Meyer'schen Herbar M . 2. s. AAA F. Hildebrand, Zur Benennung der Cyclamen- Arten e. s s. 45-19 A. Engler, Rutaceae novae, imprimis americanae . . . . . . 20-30 Personalnachrichten . . . . . .......... 5... 34 Botanische Reisen. . . 2 . . . u ..... l.l ll sss 84

Preisausschreiben. . . .. . .......2.2.2.2..2.-.^ 32

Botanische Jahrbücher |

für |

Systematik, Pflanzengeschichte

und

Pflanzengeographie

herausgegeben

Einundzwanzigster Band.

I. und II. Heft. Mit 1 Tafel. :

Leipzig : Verlag von Wilhelm Engelmann

( 1895. ; p

Ausgegeben den 28. Mai 1895.

Inhalt.

Seite K. Reiche, Die Vegetations -Verhältnisse am Unterlaufe des Rio Maule (Chile) 1—52 F. Höck, Kräuter Norddeutschlands. . . 2 2 2 ce Cr 53—104 A. Engler, Beiträge zur Flora von Afrika. X. (Mit Tafel i eu lo. 105—211 M. Gürke, Capitanya, eine neue Gattung der Labiaten (Mit Tafer AEG. V ss. eu cvs E RSV 105—107 O. Drude, Die Palmenflora des tropischen Afrika . . . . ... 108—136 Fr. Schmitz, Marine Florideen von Deutsch-Ostafrika . . . .. 137—171 H. Schinz, Amarantaceae africanae . . . 2 Con 178—191 Fr. Buchenau, Juncaceae africanae . . . OT APPELS 192—193 F. Stuhlmann, Botanische Notizen über die in der Zeit vom 23. September bis 17. December 1894 unternommene Reise nach Uluguru. 0.2000 oe Inn 194—206 A. Cogniaux, Cucurbitaceae africanae . . . oo oo 207—211

Fr. Meigen, Die Besiedelung der Reblausherde in der Provinz Sachsen 212—256

Verlag von Wilhelm Engelmann in Leipzig.

Soeben erschien:

Handbuch

für

botanische Bestimmungsübungen

von

Dr. Franz Niedenzu

0. 0. Professor und Leiter des botanischen Gartens am Kgl. Lyceum Hosianum zu Braunsberg O. Pr.

Mit 15 Figuren im Text. $. Geh. # 4.—; geb. in Leinwand X 4.15.

Plantae Europeae

Enumeratio systematica et synonymica plantarum phanerogamiearum in Europa sponte crescentium vel mere inquilinarum Autore

Dr. K. Richter.

Tomus I. gr. 8. 1890. geh. W 10.—; geb. .4 11.—.

Das Werk bildet eine werthvolle Ergänzung zu den »Natürlichen Pflanzen- familien und schliesst sich in seiner Eintheilung genau an dieselben an.

Das ganze Werk soll 4 Bände in gleichem Umfange des vorliegenden Bandes umfassen.

== Der II. Band befindet sich in Vorbereitung und wird voraus- sichtlich Anfang 1896 erscheinen. zzz

Die Vegetations-Verhältnisse am Unterlaufe des Rio Maule (Chile).

Von

Karl Reiche.

Gedruckt im Januar 4895.

Die Beobachtungen, über welche auf den folgenden Blättern berichtet werden soll, sind in den Jahren 4890—1894 angestellt worden und ver- teilen sich über alle Jahreszeiten. Das untersuchte Gebiet fällt ziemlich genau mit den Departamentos Constitucion (Provinz Maule) und Cu- repto (Provinz Talca) zusammen; es umfasst somit den Landstrich, der in einer Ausdehnung von 60 km vom Mauleflusse durchströmt wird, ehe sich derselbe bei 35° 18’ lat. mer. in den pacifischen Ocean ergießt.

Zum Verständnis der nachfolgenden pflanzengeographischen Schil- derungen seien einige orographische und meteorologische Angaben ge- stattet.

Das Gebiet wird günzlieh von der Küstencordillere eingenommen, welche entweder mit ca. 80—100 m hohem Steilufer ins Meer abfällt, oder die Entwickelung eines mehr oder weniger breiten Vorlandes gestattet. Nórdlich vom Fluss, und zwar, soweit untersucht, in dem ganzen Gebiete von seiner Mündung bis zu der des Rio Mataquito (oder bis Curepto) scheinen Glimmerschiefer vorzuherrschen; bei Junquillar sind dieselben in Form von erodierten, z. T. von tiefen Hóhlen durchsetzten Klippen ge- bildet, welche, einstmals dem Strande angehörig, durch eine auch ander- wärts und bereits von PozPPre constatierte Hebung der Küste von ihm ent- fernt worden sind. Zwischen diesen ersten Erhebungen der Küstencordillere und dem jetzigen Strande schiebt sich ein 3—7 km breiter, ebener Streifen ein, welcher z. T. von müchtigen Dünen eingenommen wird; innerhalb

derselben befinden sich zahlreiche Lagunen. Kleine, vom Westabhange des

] Botanische Jahrbücher. XXI. Bd.

9 K. Reiche,

Gebirges herabkommende Wasserlüufe versanden in diesem Gebiete und geben Anlass zur Entstehung mehr oder minder ausgedehnter Sumpf- strecken, gelegentlich mit offenem Wasserspiegel. Diese vornehmlich mit Dickicht aus Malacochaete riparia bestandenen Sümpfe befinden sich noch weiter nördlich, jenseits der Grenzen unseres Gebietes. Entsprechend der schwierigen Verwitterung des Glimmerschiefers stellen die Berge gerundete Rücken dar; in den sie trennenden schmalen Thälern rinnen Wasserläufe. Eben dasselbe Gestein findet sich auch stromaufwärts, einige Meilen von der Mündung entfernt. Im Süden derselben, also zunächst in der unmittel- baren Umgebung der Stadt Constitucion herrscht Granit vor (Orthoklas, Plagioklas, Quarz und Magnesiaglimmer)!). Die Feldspate sind außerordent- lich thonerdereich, sodass der Granit bald zu einem feinen Gruse und schließlich zu einem gelbroten Thonboden sich umwandelt. An ihm üben die mit gewaltiger Wucht niederfallenden Winterregen ihre erodierende Thätigkeit aus, indem sie ihn in einer oftmals an die Karren- oder Schrat- tenfelder?) erinnernden, manchmal höchst malerischen Weise zerklüften ; auch haben die sehr kurzen Wasserläufe, welche sich vom Steilufer ins Meer ergießen, sich tiefe und enge Schluchten ausgearbeitet, deren außer- ordentlich üppige Vegetation das Eindringen fast unmöglich macht. Aus der leichten Zersetzbarkeit dieses Granites erklärt sich auch seine Neigung, Höhlen zu bilden; sie sind oft von Asplenium consimile besiedelt. In der Nähe der Stadt fallen die Granitfelsen oft steil ins Meer ab oder sind nur durch ein sehr schmales Vorland von ihm getrennt. In größerer Entfernung vom Ort tritt wiederum Glimmerschiefer auf; und in noch weiterer Ent- fernung, an den Grenzen unseres Gebietes bei Chaneo erreicht die Strand- zone wiederum die Breite von 2 km. In der Richtung nach dem Innern zu, also nach Osten, hebt sich das Land langsam, aber merklich; zumal nach der Südgrenze hin erreicht es in den Altos de pantanillo mit 500 m, und im Cerro Name (südl. von Empedrado) mit ca. 900 m seine maxi- male Erhebung. Nördlich vom Flusse erreichen zwei unweit der Stadt ge- legene Berge nur 360 bis 400m also überall handelt es sich um so gering- fügige Erhebungen, dass sie zur Abgrenzung von Höhenstufen der Vegetation keinen Anlass geben. |

Hinsichtlich der klimatischen Verhältnisse ist zu erwühnen, dass sich, streng genommen, nur 2 Jahreszeiten unterscheiden lassen, 4. die Zeit der häufigen Regen, bei veränderlichem Barometerstand und vorherrschendem Nordwind, die Monate Mitte Mai bis Mitte September umfassend; und 9. die Zeit der seltenen oder gänzlich fehlenden Niederschläge, bei festem, hohem Barometerstand und Südwind. Die Regenmenge leider fehlen

4) Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf Analysen, welche Herr Dr. PoEnL- MANN (Santiago) die Freundlichkeit hatte anzustellen. 2) Suran, Physische Erdkunde, p. 236.

Die Vegetations-Verhältnisse am Unterlaufe des Rio Maule (Chile). 3

exacte Beobachtungen darüber ist sicherlich eine sehr beträchtliche, da die Regenstürme häufig genug in Wolkenbrüche ausarten. Aber einerseits infolge der starken Neigung des oft sehr zerrissenen Terrains, andererseits durch die austrocknende Kraft des überaus heftigen Südwindes kommt das Wasser dem Boden nicht ausreichend zugute. So erklärt es sich, dass der thonige Boden oft schon wenige Tage nach einer Regenperiode wieder klaffende Sprünge zeigt; von Ende December ab ist die Vegetation in der Umgebung der Fahrwege, wo ja durch den Verkehr besonders viel Staub erzeugt und aufgewirbelt wird, von einer gelbroten Staubschicht überdeckt. Die Temperatur sinkt im Juli und August gelegentlich, zumal bei Ost- wind, bis nahe zum Gefrierpunkt herab; Reifbildung ist dann vor Sonnen- aufgang nichts seltenes, verschwindet aber mit dem ersten Sonnenstrahl. Die höchsten Temperaturen dürften sich zwischen 40—50°C. bewegen und auf den nackten Felsabhängen anzutreffen sein. Über die mittlere Jahres- temperatur, welche ja ohnehin für pflanzenbiologische Zwecke von nicht sehr großer Bedeutung ist, kann ich keine Angabe machen; vermutlich weicht sie von der des um nördlicher gelegenen Valparaiso 13,9? nur unbedeutend ab. Über die jährliche Anzahl der heiteren, bedeckten und ganz bewólkten Tage giebt folgende Tabelle Aufschluss?):

| I | Il | IH | IV | V | VI | VIT | VIE IX | X

XI | XH] im Jahr-

Unbewölkt | a0 | 48 | 31 1 48 | 43 | 44 | 44 | 45 | 19 | 20 | 18 | 93 210 Halb bedeckt | 3 s (3|3,3|8|2|3]2]|1, 3,56 34 Ganz bewülkt | 8 | 5.|8]| 9 |415,|16)15| 3| 9/40] 9 | & | 424

Daraus ergiebt sich, dass Constitucion an 210 Tagen (Mittel aus allerdings nur 3!/;jührigen Beobachtungen) vom vollen Sonnenlichte getroffen wird, das an der Ostgrenze des Gebietes gelegene Talea nur an 160 Tagen. Im Hinblick sowohl auf die reich gegliederten orographischen, als auch auf die günstigen Temperatur-Verhältnisse lässt sich vermuten, dass die Vegetation artenreich und mannigfaltig ist.

Hinsichtlich der im Folgenden zur Anwendung kommenden Methode der pflanzengeographischen Analyse seien einige orientierende Bemer- kungen gestattet. Bei dem unvermittelt erfolgten Übertritt aus einer Zone des nordischen Florenreiches in eine solche des andinen stand ich von An- fang an unter dem Eindruck, dass ich mich bei allen Aufgaben der pflanzen- geographischen Analyse mit der größeren Artenzahl auf beschränktem Ge- biet und deren durch die klimatischen Verhältnisse bedingtem rascheren Wechsel mich würde abzufinden haben, der mein neues Wohngebiet vor dem alten auszeichnete.

In der That, je weniger zahlreich die Arten, je zahlreicher aber die Individuen auftreten, um so leichter lassen sich die unter gleichen Lebens-

1) MurıLLo, Hygiene et assistance publique au Chili, p. 26.

4 K. Reiche,

bedingungen stehenden Complexe als Formationen zusammenfassen; je mehr aber die Arten der Zahl nach überwiegen, und dabei an Individuen- zahl zurückgehen, um so schwerer wird die Abgrenzung deutlich um- schriebener Formationen , weil ihre zahlreicheren Glieder weit mehr Ge- legenheit zu Permutationen und Anschlüssen nach verschiedener Richtung hin geben. Zumal in der Stauden- und Strauchsteppe wechselt die Vege- tation von Stelle zu Stelle oftmals so, dass die führenden Arten der einen zu unwesentlichen Elementen der anderen herabgedrückt sind. Durch solche Thatsachen wird der von Hurr auf anderem Gebiete gewonnene und verwertete enge Begriff der Formation für meine Zwecke unannehmbar, und Drupr’s Kritik derselben vollständig gerechtfertigt!). Sicherlich müssen, wie auf phytographisch-systematischem Gebiete, Unterscheidungen durch- geführt werden, so lange sie eben möglich sind, nur müssen sie immer entsprechend unter allgemeinere Begriffe untergeordnet werden. Ich habe deshalb auf die eingehende Hurr'sche Analyse nicht verzichtet, bezeichne sie aber im Folgenden nicht als »Formation«, sondern als »Vegetationsauf- nahme«. Wie ein photographisches Momentbild die in einem gegebenen Augenblick thatsächlich realisierte Verteilung und gegenseitige Beziehung irgend welcher Körper zum Ausdruck bringt, so giebt die mit Orts- und Datumbezeichnung versehene Vegetationsaufnahme von der jeweiligen Co- existenz gewisser Pflanzenarten Rechenschaft; und wie sich aus der Com- bination mehrerer Momentbilder ein Urteil über zeitliche, räumliche und ursächliche Folge der Erscheinungen bilden lässt, so geben passend zu- sammengestellte Vegetationsaufnahmen die sichere empirische Basis zur Aufstellung der ihnen übergeordneten Formation.

Demzufolge haben einzelne, gelegentlich auf einer Reise notierte Ana- lysen beobachteter Pflanzenbestände wenig Wert wer vermag in ihnen das Wesentliche vom Zufälligen zu trennen? Treten sie dagegen in größerer, über alle Zeiten des Jahres verteilter Anzahl zusammen, so gewähren sie nicht nur das empirische Material zur Ableitung des Begriffes der For- mation, sondern umkleiden diese Abstraetion auch mit dem Fleisch und Blut der Wirklichkeit. Zumal in entfernten und dadurch der allgemeinen Anschauung entrückten Ländern scheint es mir zweckmäßig zu sein, nicht nur die Resultate der Einzelaufnahmen, sondern mit Auswahl auch diese selbst zu geben. Übrigens vermag auf diese Weise der Leser seinen Autor bis zu gewissem Grade zu controllieren, indem er das Material zur Ableitung allgemeinerer Resultate gleichfalls in Händen hat. Den vor- stehenden Ausführungen gemäß beginnen die mit »Steppen«, »Wälder«, »Felsgehänge« überschriebenen Abschnitte mit einer zum Zweck späterer

1) Drune, Über die Principien der Unterscheidung von Vegelationsformationen etc Botan. Jahrb. XI. p. 25—26.

Die Vegetations-Verhältnisse am Unterlaufe des Rio Maule (Chile). 5

Citierung fortlaufend numerierten Reihe von Vegetationsaufnahmen, an welche sich die Erläuterung besonders wichtiger Punkte und zuletzt die Aufstellung der zu unterscheidenden Formationen schließt.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich folgendermaßen: I. Pflanzen- geographischer Teil. II. Biologischer Teil. III. Statistik, die Liste der beobachteten Arten mit kurzen Bemerkungen über Grad der Háufigkeit und Lebensdauer ete. enthaltend.

Herr Professor PnuiLIPPI in Santiago hat mir bei Bestimmung der gesam- melten Arten sehr wesentliche Hilfe geleistet, zumal da es mir in meinem Wohnort an dem nótigen Vergleichsmaterial gebricht; ihm, sowie den Herren O. BorckeLer und Prof. Bucuzwau bin ich zu lebhaftem Danke ver- pflichtet. Zur vorläufigen Orientierung im Gebiet habe ich die Arbeit von Azo-Canr!): »Plantas útiles de Constitución« mit Nutzen gelesen.

I. Pflanzengeographischer Teil.

l. Die Vegetation der Steppe.

Ich begreife darunter die Vegetation des nicht cultivierten, mit nie- drigen, nicht gedrängt stehenden Kräutern oder mit Buschwerk bestan- denen Landes, und behandle sie an erster Stelle, weil sie an Flächenaus- dehnung die übrigen übertrifft. Außerdem geht sie durch zahllose Abstufungen in die Vegetation der Felsgehänge, Schluchten ete. über. Nach dem Vorwiegen der Kraut- oder Holzpflanzen lässt sich eine Kraut- und eine Strauchsteppe unterscheiden, obwohl erstere häufig in den Lücken der letzteren angesiedelt ist, und es auch somit nicht an Zwischenformen fehlt. Der Volksausdruck für diese Gebiete ist »Gampo «.

a. Die Krautsteppe.

Die folgenden Vegetationsaufnahmen sind in chronologischer Folge vom Frühling nach dem Sommer zu geordnet.

1. 4. Oct. 4891. Offener Camp o ohne Gebüsch.

Niedrige, fast halbkugelige Stöcke von Danthonia chilensis greg., Soliva sessilis soc., Loxodon chilense sp., Trifolium Crosneri cop., Chevreulia sto- lonifera cop. greg., Scilla chloroleuca cop.z, Paronychia chilensis cop.s, Eri- irichium procumbens cop.,, Eryngium rostratum cop. bis cop. greg. (noch nicht blühend), Erodium cicutarium cop. greg., Sisyrinchium gramineum var. pumilum cop.

4) Annales de la sociedad de Farmacia. I. Santiago 1883.

6 K. Reiche,

2. 4. Oct. 1891. Terrain stark durch Erosion zerklüftet.

Lockeres, sehr niedriges Gestrüpp aus f: Gochnatia rigida, schließ- lich dichter werdend unter Hinzutritt von Boldoa fragrans, Lomatia obliqua und Schinus latifolius. Dazu an Stauden: Leucocoryne alliacea cop.,, Senecio chilensis cop.» greg., Mulinum cuneatum cop., Gnaphalium Spec. cop.s, Chevreulia stolonifera cop., greg., Adiantum scabrum cop.s, Sisyrinchium depauperatum cop., Viola Portalesia cop., Polygala thesioides spec.

3. 7. Oct. 1891. Freie Stelle zwischen Gebüsch an einem Abhange am linken Ufer des Maule. | Von hochwüchsigen Pflanzen nur Sisyrinchium scirpiforme, Leucocoryne alliacea, Anemone decapetala (verblüht), Dioscorea humifusa, lang umher- kriechend, dazwischen niedrige Vegetation von Microcala quadrangularis cop.», Pelletiera verna cop.,, Micropsis nana greg., Soliva sessilis greg., Festuca sciuroides (sehr kümmerlich), Lepuropetalum pusillum spec., Plan- tago limensis spec., Tillaea Closiana spec., Alchemilla arvensis spec.

4. 11. Oct. 1891. Grasiges Plateau bei Cerro Mutrun.

Leucocoryne alliacea cop. greg. (das Vegetationsbild beherrschend), Briza minor cop.s, Aira caryophyllea cop. und andere noch nicht blühende Gräser, Plantago tumida cop. soc., Lupinus microcarpus (noch nieht blühend) cop.,, Scilla chloroleuca cop.s, Sisyrinchium graminifolium var. pumilum cop., Betckea samolifolia cop., Oenothera mutica cop., T richopeta- lum stellatum cop., Eritrichium fulvum.

9. 45. Nov. 1891. Campo mit keinem oder wenig Buschwerk nördlich vom Maule.

Die Vegetation wechselt von Strecke zu Strecke, sodass etwas entfernt von einander gelegene Stellen einen verschiedenen Eindruck machen; vergl. im Folgenden unter a, b, c. Allen gemeinsam: Soliva sessilis COD. 5, soc.

a) Nierembergia repens cop. greg. (in großen, weißhlühenden Trupps), Hypericum chilense cop. greg. (dichte, niedrige Rasen bildend), Roterbe bul- bosa cop., Juncus Chamissonis cop.» , Plantago patagonica cop., Erodium cicutarium cop. greg.

b) Triptilium spinosum cop., Hypericum chilense cop. greg., Centaurea melitensis cop., (noch nicht blühend), Stenandrium dulce cop. greg., Oeno- thera mutica cop., Sisyrinchium graminifolium var. pumilum cop.,, Conan- thera bifolia cop.a, Eryngium rostratum cop., Acaena trifida cop.. Avena hirsuta cop., Briza minor cop.9, Danthonia chilensis cop. greg., Pipto- chaetium spec.

c) Asteriscium chilense cop., Polygala thesioides cop., Conanthera bifolia cop.g, Linum aquilinum cop., Monnina linearifolia spec., Oxypetalum saxatile spec., Paronychia chilensis cop. und die Gräser wie bei b).

Die Vegetations-Verhältuisse am Unterlaufe des Rio Maule (Chile). 7

6. 41. Dec. 4894. Campo, zwischen vereinzelt stehendem Gebüsch ; das Erdreich sehr trocken, die Gräser bereits verbrannt.

Adesmia radicifolia eop.s, Wahlenbergia linarioides cop., Linum sela- ginoides cop. greg., Conanthera bifolia cop.», Oxypetalum saxatile spec. greg., Senecio chilensis cop. greg., Lupinus microcarpus cop. 2.

7. 31. Januar 4892. Staudenvegetation, zwischen Gebüsch und auf offenen Stellen.

Im buschigen Teile : Habranthus chilensis greg., Anthemis Cotula cop. s, Mentha piperita soc., Spiranthes chilensis cop., Nierembergia repens spec. greg.

Im offenen Teile: Anthemis und Mentha wie oben, Madia sativa cop.s, Boisduvalia concinna spec., Lippia nodiflora soc., Achyrophorus spec. cop. 3.

Im Folgenden mag noch der Wechsel der Staudenvegetation an ein und derselben Stelle, aber zu verschiedenen Jahreszeiten verzeichnet werden ; es handelt sich um eine größere freie Stelle zwischen Gebüsch.

8. 27. Aug. 4894. Blechnum hastatum cop., soc., Sisyrinchium scirpiforme cop., Phycella ignea cop.2, Gilliesia monophylla cop.3, Viola Portalesia spec. greg., Luzula chilensis spec., Dioscorea aristolochiifolia cop., Anemone decapetala cop.s, Triteleia porrifolia cop., Cardamine nastur- tioides spec.

9. 7. Nov. 4891. In Blüte: Calceolaria integrifolia cop.;, die Vegetation beherrschend; Pasithea coerulea cop.3, Cerastium arvense cop., Senecio plantagineus cop. s, Calceolaria corymbosa cop.», Briza minor cop. soc., Avena hirsuta cop., Achyrophorus Scorzonerae cop.3, Quinchamalium gracile cop., Bomaria salsilla cop.s, Stachys grandidentata cop., Sisyrinchium pedunculatum cop. , Viola Portalesia cop. Die Entwickelung der Stauden hat hiermit ihren Höhepunkt erreicht; die unter Nr. 8 aufgezählten Arten sind bis auf eine bereits verschwunden.

10. 95. Nov. 4894. Die Gräser, sowie Medicago denticulata, Soliva sessilis, Scilla chloroleuca, Nothoscordum striatellum sind abgebltiht und z. T. vertrocknet; in Blüte und ziemlich gleich häufig: Lupinus microcarpus, Conanthera bifolia, Sisyrinchium striatum, Triptilium spinosum, Alstroemeria Ligtu, Quinchamalium majus.

Die vorstehend verzeichneten Bestände waren in unmittelbarer Nähe des Ortes aufgenommen; ich gebe daher noch zwei weitere, welche in größerer Entfernung und auch weiter im Innern notiert wurden:

11. 49. Sept. 4892. Zwischen Empedrado und dem Cerro Name (ca. 50km südöstl. von Constitución); offener Campo mit einigen Büschen von Boldoa fragrans und Maytenus boaria. Dazwischen Horste eines nicht blühenden Grases und Betckea samolifolia cop. greg., Blennosperma chilense cop. greg., Collomia gracilis cop.2.

8 K. Reiche,

12. 21. Oct. 1894. Campo bei Putü (ca. 25 km nördlich von Consti- tución).

Sisyrinchium graminifolium cop., Erürichium fulvum cop.z, E. pro- cumbens cop.;, Trifolium Crosneri cop.9, Nothoscordum striatellum spec., Micropsis nana cop. greg., Oenothera acaulis cop., Medicago denticulata cop.3, Plantago limensis cop., Dichondra repens cop.3, Soliva sessilis cop. 9, Erodium cicularium cop.,, Calandrinia compressa cop., Verbena erinoides cop.g, Godetia Cavanillesii cop., Gilia laciniata. Dazwischen vereinzelte und sehr niedrige Büsche von Margyricarpus setosus und Baccharis ros- marinifolia.

Von beiden Aufzeichnungen erweckt Nr. 44 dadurch das größte In- teresse, dass die genannten drei einjährigen Kräuter sich überall im Innern des Landes (Talca, Rancagua, Santiago) vergesellschaften.

Aus den mitgeteilten Stichproben ergiebt sich, dass die Pflanzendecke der Krautsteppe eine so vielförmige ist, dass sich schwierig wohl charak- terisierte Associationen in ihr feststellen lassen; man thut besser, sie als einer großen Formation angehörig aufzufassen und diese einem » Typus polymorphus « zu vergleichen. Physiognomisch ist diese Vegetation fol- gendermaßen gekennzeichnet: Zunächst fallen die zahlreichen Zwiebel- und Knollengewächse aus den Familien der Liliaceen, Amaryllidaceen, Iridaceen, Dioscoreaceen in die Augen; ferner das häufige Vorkommen von polster- und rasenförmig wachsenden Pflanzen: Chevreulia stolonifera bildet graugrüne Horste, aus denen sich die weißen Träger der Frucht- köpfchen wie die Schirmstiele einer Marchantia erheben, Hypericum chi- lense und Linum Chamissonis treten in vielstengeligen Rasen auf, die im November mit gelben Blüten übersät sind; beide Arten, sowie Monnina, Polygala u. a. sind außerdem durch sehr kleine Blätter ausgezeichnet. Bemerkenswert sind ferner die in kugeligen Polstern wachsenden Gräser, wie Danthonia, Piptochaetium; andere Gräser, wie Aira caryophyllea, Briza minor leiten zu der Gruppe von Gewächsen über, welche mit sehr geringer Größe eine sehr kurze Lebensdauer verbinden; hierher gehören sämtliche Arten von Tillaea, ferner Pelletiera verna, Microcala quadrangularis, Sa- gina chilensis, Alchemilla arvensis und die kleinste aller chilenischen Phane- rogamen Lepuropelalum pusillum. Gelegentlich finden sie sich, wie Nr. 3 zeigt, mit einander vergesellschaftet, und können wohl zu einer Association zusammengefasst werden. Die Tillaeen erscheinen im August und ver- schwinden im October, häufig infolge ihres geselligen Vorkommens dunkel- rote Flecke auf dem Boden bildend. Die Blütenfarben sind ebenso zahl- reich als lebhaft und verleihen dem Campo im October und November einen eigenartigen Zauber: gelb blühen die meisten Sisyrinchien und Calceo- larien ; blau das prächtige Sisyrinchium speciosum, Roterbe bulbosa, Pasithea coerulea, auch Viola Portalesia; rot Bomaria, Oxalis articulata, T. ropaeolum

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tricolor, Geranium Berteroanum etc. ; weiß Scilla, Leucocoryne, Nothoscor- dum, Triteleia, Trichopetalum, Oenothera acaulis etc. Weiß ist auch die Grundfarbe der meisten Orchideenblüten.

b. Die Strauchsteppe.

Unter »Strauchsteppe« verstehe ich die mannshohen Gebüsche sehr verschiedener Holzpflanzen , welche teils auf den ebenen Fláchen, teils an den Abhängen sich angesiedelt haben.

Um einen Begriff von der großen Zahl der Arten zu geben, welche sich vergesellschaften, teile ich die folgende Liste mit, welche an einem noch nicht 400 m langen Abhang aufgenommen wurde. lch habe durchaus nicht ein besonders eclatantes Beispiel gewählt, sondern nur eines, welches unweit vom Ort gelegen, mir wiederholte und gründliche Untersuchung gestattete.

43. Am unteren, feuchten Saum: Sophora macrocarpa cop., Psoralea glandulosa cop., Baccharis paniculata cop.;, Adenopeltis Colliguaya cop. 2; daselbst und weiter hinauf Aristotelia Maqui cop. , Boldoa fragrans cop. 3, Chusquea spec. cop.;, Podanthus ovalifolius cop.5, Eugenia apiculata cop., Myrceugenia ovata cop., Eupatorium Salvia cop., Eupatorium glechomoides cop., Escallonia revoluta; spec., Ribes punctatum cop.,, Senecio denticu- latus cop.s, Schinus latifolius cop., Lithraea caustica cop., Pitavia punctata spec., Azara celastrina spec., Cryptocarya peumo cop., Lomatia obliqua cop., Gardoquia Gilliesii cop., Colletia spinosa cop., Cassia stipulacea cop., Fagus obliqua cop., Aextoxicum punctatum spec., Proustia pyrifolia cop., Tupa salicifolia r., Pernettya furens spec., Cissus striata spec., Gochnatia fascicu- laris cop., Villaresia mucronata sol. Am Felsen klimmend: Ercilia volu- bilis. Im Gebüsch kletternd: Mühlenbeckia tamnifolia. Das sind im ganzen 34 Arten, welche mit wechselnder Häufigkeit sich vergesellschaften.

14. Buschiger Abhang: Baccharis concava cop.s, Schinus latifolius cop.s, Podanthus ovalifolius cop. 2, Boldoa fragrans cop., Gardoquia Gilliesii cop., Retanilla Ephedra cop., greg., Colliguaya odorifera cop.

45. Buschiger Campo, die Vegetation dicht, schwer zu durchdringen: Eugenia apiculata, Fagus obliqua, Cryptocarya peumo, Gochnatia fascicularis, Guevina avellana, Lomatia'obliqua, Persea Lingue in ziemlich gleicher Häufig- keit; die Büsche von ca. 3 m Höhe; im Gebüsch kletternd Herreria stellata und Bomaria salsilla.

46. 90. Oct. 1894. Gebüsch auf dem 100—120 m hohen Plateau in der Nähe des Strandes. Sandboden, daher zwischen den Büschen Dünen- vegetation. Das Gebtisch besteht aus Baccharis concava cop., Schinus lati- folius cop.g, Boldoa fragrans cop., Bahia ambrosioides cop.;; diese zu oft- mals undurchdringlichen Beständen vereint, in welchen Eupatorium glecho- nophyllum und Senecio nigrescens eingesprengt sind; dazwischen erhebt

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sich Stellaria cuspidala und Diplolepis Menziesü umschlingt die Zweige. Am Boden kurzes holziges Gestrüpp aus Margyricarpus setosus, Colletia spinosa oder seltener Ephedra andina. Gelegentlich gewaltige Rosetten der Puya coarctata.

17. 16. April 1892. Buschiger Campo bei Curepto (ca. 60 km nord- östl. von Constitución und 25 km vom Meere). Fast ausschließliche Vege- tation von Baccharis rosmarinifolia.

18. A4. Sept. 1894. Ostabdachung der Küstencordillere an der Ost- grenze des Gebietes, von Perales in der Richtung nach Talea, 65—70 km von Constitución: Acacia Cavenia soc. (»el Espino«)!), Trevoa quinquenervia cop., und gelegentlich Cereus spec. (in 3—4& m hohen Stücken). Zwischen diesen unnahbaren Dornbüschen blumenreiche Vegetation von Betckea samolifolia, Blennosperma chilense, Collomia gracilis (vgl. Nr. 41), Sisgrin- chium spec., Eritrichium procumbens, Limosella tenuifolia etc. etc.

19. 24. Sept. 1893. Buschiger Campo bei San Antonio (47 km östlich von Constitución). Das Gebüsch besteht aus folgenden, annähernd gleich häufigen Arten: Boldoa fragrans, Berberis chilensis, Aristotelia Maqui, Aca- cia, Cavenia, Tricuspidaria dependens (seltener), Mühlenbeckia tamnıfolia und M. chilensis, Maytenus boaria, Proustia pungens, Kageneckia oblonga, Escal- lonia pulverulenta, Quillaia saponaria, Eugenia Chequen, E. apiculata, Trevoa quinquenervia.

Die Formation der Gebüsche lässt einige durchgreifende Unterschiede erkennen in Bezug auf ihre systematische Zusammensetzung und räum- liche Verteilung im Gebiete. 4. Die Boldoa-Lithraea-Baccharis concava- Association in der Litoralzone, mit Bahia ambrosioides, Senecio nigrescens und Diplolepis Menziesii als gelegentlichen, aber charakteristischen Be- gleitern. Unter dem Einfluss des im Sommer sehr starken Südwindes haben die Gebüsche (vgl. Nr. 16) eine dicht verzweigte bosquettartige, oft dem Boden angedrückte Gestalt angenommen. Sie findet sich auch in den Dünengebieten nördlich vom Maule ausgeprägt. Die Oberfläche eines solehen Gebüsches fällt nach der Richtung ein, von welcher der Wind kommt, also nach Südwest. In einigen Fällen sind die Lithraca-Büsche wie niedriges Knieholz auf dem Boden hingestreckt, in anderen kommen aben- teuerlich zerfetzte Kronen zu Stande. 2. Die Association der Baccharis ros- marinifolia-Gebüsche, und 3. die der Berberis chilensis-, Mühlenbeckia chi- lensis-, Trevoa-Gebüsche gehört den inneren Strichen der Küstencordillere an, und schließlich &. die Espinales, als vorwiegend reine Bestände von Acacia Cavenia, bezeichnen die Übergangszone zwischen Küstencordillere und Hauptthal.

1) GnisEBACH, Vegetation der Erde. 4. Aufl, Il. p. 476, erwähnt in seiner unüber- trefflichen Darstellung diese Dorngebüsche als »Espinales «.

Die Vegetations-Verhältnisse am Unterlaufe des Rio Maule (Chile). 11

In physiognomischer Beziehung bietet die Strauchsteppe weniger Ab- wechslung als die Krautsteppe. Es sind mit wenig Ausnahmen immergrüne, hartblättrige Büsche, welche die Höhe von 3 m wohl selten überragen. Bei häufigem Auftreten der Myrtaceen sind dieselben gelegentlich mit zahllosen weißen Blüten übersät; reichliches Vorkommen von Baccharis concava macht sich zur entsprechenden Jahreszeit durch die dichtgedrängten gelben Blütenköpfe bemerklich, und wenn Baccharis rosmarinifolia ihre Früchte reift, so leuchten die weißen Pappushaare, von weitem kenntlich, hervor. Eine der auffälligsten Formen ist wohl der nicht überall gleich häufige Senecio denticulatus, der im October seine über 2 m hohen, schön beblät- terten Stämme mit einer gewaltigen, goldgelben Blütenrispe abschließt. Ferner sind die zahlreichen Individuen der Proteaceen Lomatia obliqua und Guevina avellana zur Blütezeit auffällige Erscheinungen. Loranthus tetran- drus entwickelt in der Regenzeit brennendrote, häufig von Kolibris um- schwärmte Blütensträuße;; dieser Parasit scheint sich so ziemlich auf allen Büschen ohne Unterschied der Art anzusiedeln.

Die Schling- und Kletterpflanzen spielen in der Strauchsteppe noch nicht die Rolle, wie in den feuchten, dichtbewachsenen Schluchten; doch sind von krautigen Arten die Dioscoreen und Tropaeolum tricolor, von hol- zigen Cissus striata und Mühlenbeckia tamnifolia nicht selten. Im Schutze dieser Gebüsche erhalten sich Stauden, welche im offenen Campo dem weidenden Vieh zum Opfer fallen würden, so Stellaria cuspidata, Ranun- culus minutiflorus und manche Gräser, z. B. Nasella major. An manchen Stellen schalten sich, wie in der Krautsteppe, Individuen von Puya coarc- tata ein, zumal in den Dünengebüschen auf dem rechten Ufer des Flusses, wo sie local den Vegetationscharakter wesentlich beeinflussen. Ihre hori- zontal ausgespreizten Rispenäste sind der natürliche Halteplatz für zahl- reiche Vögel, welche den in den grüngelben Kronen enthaltenen Insecten nachstellen.

In der hiermit zum Abschluss gebrachten Darstellung der Steppen- Vegetation sind vorläufig alle fremden Züge außer Betrachtung geblieben, welche durch mittelbares oder unmittelbares Zuthun. des Menschen in sie hineingetragen worden sind; es soll dies an anderem. Orte nachgeholt werden.

2. Vegetation der schluchtartigen Thäler.

In der geographischen Einleitung ist bereits auf die zahlreichen, von unbedeutenden Bächen durchflossenen Schluchten hingewiesen worden, welche das Gebiet durchkreuzen. Diese Schluchten sind natürlich feuchter, als der offene Campo, aber weniger feucht, oder doch weniger gleichmäßig feucht als die Wälder, sodass auch ihre Vegetation einen zwischen diesen beiden befindlichen Charakter aufweisen wird. An den Abhängen herrscht dann die Strauchsteppe, zu beiden Seiten des Wasserlaufes der Wald, und

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dieser kann bei genügender Breite des Thales einen typischen Charakter annehmen. Wenn ich trotzdem die Vegetation dieser Schluchten » Que- bradas« ist der heimische Name als einer besonderen Vegetation zuge- hörig betrachte, so geschieht dies, weil der theoretisch mügliche Übergang in eigentliche Wälder bei der Enge der Schluchten sich nur selten voll- zieht, andererseits aber die erhöhte Feuchtigkeit doch die Steppen-Vege- tation wesentlich verándert. Das Flussthal des Maule findet zweckmäßig in diesem Capitel ebenfalls seine Darstellung.

20.-8. Sept. 1891. Schlucht östlich der Stadt.

Boldoa fragrans cop.;, Schinus latifolius cop.s, Lithraea caustica COP.9, Drimys chilensis cop.,, Aextoxicum punctatum cop.g, Guevina avellana COp.», Cryptocarya Peumo cop.;, Eugenia Lumacop.;, Myrceugenia Pitracop., Eugenia Chequen cop.z, Myrceugenia stenophylla cop.,, Edwardsia chilensis cop.s, Villa- rezia mucronata cop., Proustia pyrifolia cop., Aristotelia Maqui cop.s, Cori- aria ruscifolia eop.s, Escallonia pulverulenta cop., Podanthus ovalifolius cop.s, Persea Lingue cop.», Lomatia obliqua cop., Fagus obliqua cop.» (zu- mal an den Abhüngen), Fuchsia macrostemma cop.,, Baccharis concava cop., Cestrum Parqui cop., Chusquea spec. cop., Myrtus multiflora spec., Temu divaricatum spec., Lomatia ferruginea r. Davon sind die meisten Myrta- ceen, Drimys, Fuchsia und Lomatia ferruginea auf das Bachufer beschränkt. Neben diesen Gebüschen und kleinen Bäumen (deren Liste übrigens nicht ganz vollständig ist) wurden folgende Stauden notiert: Oxalis articulata cop.s, O. rosea cop.,, Sisyrinchium scirpiforme cop.s, Viola capillaris cop.s, Calceolaria integrifolia cop. , Anemone decapetala cop.s, Triteleia parvifolia cop.s, Gilliesia monophylla cop.», Miersia chilensis cop.s, Geranium Berteroa- num cop., Calandrinia compressa cop., Sanicula macrorrhiza cop. Holzige Schlingpflanze: Lapageria rosea. Farne: Lomaria chilensis cop.s, Phego- pteris Poeppigit cop.s, Blechnum hastatum soc., Adiantum chilense cop., Notho- chlaena hypoleuca cop. ete. Die Bromeliacee Rhodostachys litoralis schon verblüht.

21. 10. Oct. 4894. Sumpfige Sohle eines breiteren Thales. Die Vege- tation bildet eine geschlossene grüne Decke, in welcher ein kleines, noch nicht blühendes Gras und eine Heleocharis häufig; außerdem Cardamine nasturtioides cop. greg., Mimulus parviflorus cop. greg., Hydrocotyle bona- riensis soc., Juncus procerus cop. greg., Cotula coronopifolia cop., Plantago major cop., Mentha spec. (noch ohne Blüte) cop.z, Equisetum bogotense cop.s, Gunnera chilensis cop.s.

22. 12. Mai 1891. Sehr tiefe und fast unzugängliche Schlucht, welche sich ins Meer öffnet. Anscheinend jungfräulicher Bestand von Aextoxicum punctatum , dicht mit Griselinia scandens besetzt, deren tauartige Stämme stellenweis in dichtem Gewirr herabhüngen; außerdem häufig und Bäume bildend Cryptocarya Peumo, Azara celastrina und Eugenia spec.

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23. 27. Sept. 1894. Schlucht, ca. 40 km südlich von der Stadt.

Die folgenden Bäume und Büsche annähernd in gleicher Häufigkeit: Fagus obliqua (alle anderen an Höhe überragend), Weinmannia tricho- sperma, Guevina avellana, Podocarpus chilina, Aextoxicum punctatum, Eu- genia Luma und andere nicht blühende Myrtaceen, Senecio denticulatus, Persea Lingue, Aristotelia Maqui, Pitavia punctata, Lomatia ferruginea, Bac- charis (concava?), B. umbelliformis, Pernettya mucronata, Villarezia mucro- nata, Chusquea spec. Stauden: Greigia sphacelata am Bachufer mit Lomaria chilensis cop. 3, Acaena ovalifolia cop., Empetrum rubrum greg., Viola maculata greg., Gilliesia monophylla B. viridescens cop.3, Elytropus chilensis cop., Oxalis articulata cop.s.

Von vorstehenden Vegetationsaufnahmen schildert Nr. 20 eine Schlucht, wie sie als typisch gelten kann; Nr. 22 eins der nicht allzu häufigen, sich direct ins Meer öffnenden, kurzen Thäler und Nr. 23 stellt bereits eine Mittelform zwischen dem Bestande einer Schlucht und eines Waldes dar. Im allgemeinen ist die in Rede stehende Vegetation durch das zahlreiche Vorkommen verschiedener Myrtaceen , Drimys chilensis und Fuchsia macro- stemma charakterisiert, mit welchen unter den Stauden Gunnera chilensis und Lomaria chilensis und unter den Gräsern die eine oder andere Art von Chusquea sich zu einer einheitlichen, in der vielförmigen Schluchtenvege- tationsformation immer wieder auftretenden Association zusammenschließen. In physiognomischer Beziehung ist zunächst die durchschnittlich größere Höhe der Holzgewächse im Vergleich zur Strauchsteppe hervorzuheben. Sodann liegt es in den oben erwähnten günstigen Vegetationsbedingungen begründet, dass in diesen Schluchten die Pflanzenwelt am ehesten zu neuem Leben erwacht, nachdem die Winterregen den Anstoß dazu gegeben haben. Denn wenn auch die Krautsteppe sich bereits im Mai mit dem ersten Grün der Keimpflanzen mannigfacher Gewächse und dem leuchten- den Gelb der Oxalis lobata schmückt, so ist eine formen- und blüten- reichere Vegetation doch zuerst in den feuchten Schluchten zu finden; Boldoa fragrans öffnet hier zeitiger als anderwärts ihre weißen Blüten, Edwardsia chilensis ihre gelben, Drimys chilensis ihre weißen Kronen. Dazu kommen von Stauden die ersten Dioscoreen und die Gilliesien und die jungen Wedel von Cystopteris, Adiantum und Asplenium magellanicum., Von besonders auffälligen und für die Physiognomie des Ganzen wich- tigen Formen seien folgende erwähnt. Rhodostachys litoralis treibt im März aus der Mitte seiner langen, dornig gezähnten Blätter einen terminalen, fast sitzenden, faustgroßen Kopf rosenroter Blüten, aus denen die gelben Antheren hervorragen; Gunnera chilensis, häufig mit Lomaria vergesell- schaftet, breitet ihre gewaltigen Schirmblätter am Bachufer aus; ihre mit zahllosen kleinen, scharlachroten Beeren besetzten Fruchtkolben werden oft einige Kilogramm schwer. Ein solcher Stock ist häufig eine interessante Lebensgemeinschaft der verschiedensten Organismen. In das knollige,

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stärkereiche Rhizom haben sich Nacktschnecken eingefressen, im Gewebe desselben nisten sich Nostoc-Colonien ein, und ebenso leben schleimum- hüllte Algen zwischen den Nebenblättern, sodass diese, zugleich auch durch den von ihnen selbst abgesonderten Schleim, zu einer kegelfórmigen Masse unter einander verkleben. Käfer und eine Spannerraupe, welche sich von den jungen Blättern nähren, vervollständigen das Bild. Chusquea parvi- flora (und andere Arten?), die hier als Colihue und Quila bezeichneten Bambuseen schließen auf dem sumpfigen Grunde der Schluchten oftmals zu schwer zugänglichen Dickichten zusammen. Ihre jungen, senkrecht aufschießenden Sprosse sind von Daumenstärke und in mehrere Scheiden eingehüllt, von denen die Epidermis der üuBeren rauh behaart und ver- holzt ist.. Die büschelfórmig aus den Knoten des Halmes ausbrechenden Verzweigungen wirken als Sperrhaken, welche ein Rückwürtsgleiten des Stengels zwischen den Ästen der Bäume verhindern, und so kommt es, dass sie oft mehrere Meter hoch in den Büschen und Bäumen emporklim- men. Überhaupt spielen die Schling- und Kletterpflanzen local eine große Rolle. Man kann Gebüsche antreffen, welche Proustia pirifolia überzogen hat, während Cissus, Lapageria, Lathyrus und Dioscorea von innen zwischen den Zweigen emporstreben. Die genannte Proustia klimmt als Haken- kletterer mittels eigentümlicher spitzer (im Inneren von einem besonderen Gefäßbündel durchlaufener) Höcker, welche sich an der Rückseite der Basis des Blattstieles befinden. Herreria, Boquila und Lardizabala sind andere holzige Schlingpflanzen ohne besonderes biologisches Interesse; sie sind natürlich auch in den später zu behandelnden Wäldern zu finden.

Die Schilderung des Maule-Thales schließt sich naturgemäß an die der von Wasserläufen durehzogenen Schluchten an; seine Abhänge senken sich teils steil in den Fluss hinab, teils gestatten sie die Ausbreitung einer mehr oder weniger breiten Aue, letzteres zumal gegen die 0,9km breite Mün- dung hin. Die Abhänge sind früher, nach gut verbürgten Aussagen, be- waldet gewesen, jetzt aber meist mit Buschwerk überzogen; dagegen sind noch hochstämmige Wälder in den Seitenthälern vorhanden. Die Holz- vegetation der Abhänge ist genau dieselbe, wie sie bereits unter Nr. 20 verzeichnet ist; nur ist Fagus obliqua fast durchgehend der wesentliche und darum charakteristische Bestandteil. Ihm schließen sich am Ufer an die beiden Sträucher Baccharis paniculata (oder verwandte Art) und Myrc- eugenia stenophylla. Erstere ühnelt im nicht blühenden Zustande so sehr einer Weide, dass sie dieselbe physiognomisch und auch in Bezug auf den Standort völlig vertritt. Da, wo das Flussufer in breiterer Ausdehnung eine sandig-kiesige Beschaffenheit annimmt, hat sich die folgende Associa- tion angesiedelt:

24. 13. Sept. 1891. Rechtes Ufer des Maule, ca. 10